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Mit KI geschrieben. Weniger wert?
(Diesen Inhalt gibt es leider noch nicht in leichter Sprache. Wir arbeiten gerade daran.)
Persönlicher Beitrag von Marvin David, geschäftsführender Vorstand von QuerWege e.V.
Beim KI-Barcamp in Jena habe ich eine Session zum Thema »KI-Scham« besucht. Es ging um die Frage,
warum Menschen ihre KI-Nutzung nur ungern sichtbar machen. Warum selbst dann ein Unbehagen
bleiben kann, wenn die Nutzung erlaubt ist, sinnvoll erscheint und das Ergebnis sorgfältig geprüft wurde.
Mich hat diese Frage nicht losgelassen. Auch deshalb, weil ich mich als geschäftsführender Vorstand eines
Sozial- und Bildungsträgers damit beschäftige, wie KI in unserer Organisation verantwortungsvoll
ankommen kann.
Bei QuerWege haben wir gerade unsere KI-Richtlinie veröffentlicht. Damit stellt sich für mich neben der
Frage nach Regeln auch die Frage nach der Kultur, in der wir sie anwenden.
Ein Hinweis wie »mit KI-Unterstützung erstellt« wirkt zunächst unspektakulär. Eine kleine Information zur
Entstehung eines Textes. Und doch könnte sich hinter dem Zögern, diesen Satz hinzuzufügen, eine ziemlich
persönliche Frage verbergen: Haltet ihr weniger von mir, wenn ihr wisst, wie diese Arbeit entstanden ist?
Dann wäre die Kennzeichnung nicht nur eine Frage der Transparenz. Sie würde unser Selbstverständnis
berühren: als kompetenter, eigenständiger, engagierter und glaubwürdiger Mensch.
Wir zeigen mit unserer Arbeit auch etwas von uns
Einen interessanten Zugang dazu bieten die Überlegungen des Philosophen Hanno Sauer. Er beschreibt,
wie soziale Unterschiede und gesellschaftliche Anerkennung über Signale vermittelt werden, die andere
nicht ohne Weiteres nachahmen können. Dazu gehören nicht nur materielle Dinge. Auch Wissen und
Fähigkeiten können unsere Stellung in den Augen anderer prägen. Sauer stellt zudem ausdrücklich einen
Zusammenhang zwischen KI und möglichen Statusverlusten in kreativen und intellektuellen Berufen her. [1]
Übertrage ich diesen Gedanken auf die Kennzeichnung von KI-Nutzung, ergibt sich für mich eine plausible
Erklärung. Sie ist meine Ableitung, nicht Sauers eigene Aussage über »KI-Scham«:
Ein überzeugender Text vermittelt nicht nur einen Inhalt. Er kann zugleich zeigen: Hier hat jemand
nachgedacht. Hier versteht jemand etwas. Hier kann jemand einen komplizierten Sachverhalt auf den
Punkt bringen.
Kommt der Hinweis auf KI hinzu, könnte sich die Zuschreibung verändern. Aus »Das hat sie gut
durchdrungen« wird möglicherweise: »Wie viel davon stammt eigentlich von ihr?«
Der Text ist derselbe. Aber die Anerkennung könnte eine andere sein.
Die Sorge wäre dann nicht unbedingt, eine schlechte Arbeit abzugeben. Sondern für eine gute Arbeit
plötzlich weniger Anerkennung zu bekommen.
Die Angst vor Abwertung ist nicht einfach eingebildet
Dass diese Sorge einen realen Hintergrund haben kann, zeigt eine 2025 veröffentlichte Untersuchung von
Jessica Reif, Richard Larrick und Jack Soll. In vier vorab registrierten Experimenten mit insgesamt 4.439
Teilnehmenden erwarteten Menschen negative Bewertungen wegen ihrer KI-Nutzung – und wurden in den
untersuchten Situationen tatsächlich hinsichtlich ihrer Kompetenz und Motivation negativer eingeschätzt.
Die Ergebnisse stammen aus experimentellen Situationen. Sie erklären nicht automatisch die Kultur eines
konkreten Teams oder die Gefühle einzelner Menschen. Aber sie zeigen: Die Sorge vor Abwertung lässt
sich nicht einfach als unbegründete Unsicherheit abtun. [2]
Deshalb überzeugt mich der gut gemeinte Satz »KI ist doch auch nur ein Werkzeug« als alleinige Antwort nicht.
Er beantwortet die technische Frage. Aber möglicherweise nicht die soziale.
Wer sich fragt, ob die eigene Kompetenz künftig anders bewertet wird, braucht mehr als eine beruhigende
Erklärung über Software. Es geht um die Frage: Was erkennt ihr eigentlich als meine Leistung an?
Für mich liegt darin ein wichtiger Ansatzpunkt. Wir sollten genauer darüber sprechen, worin gute Arbeit
besteht. Im eigenständigen Formulieren jedes einzelnen Satzes? Oder auch darin, ein Problem richtig zu
verstehen, relevante Zusammenhänge einzubringen, Fehler zu erkennen, Vorschläge abzuwägen und eine
begründete Entscheidung zu treffen?
Dabei geht es nicht darum, den eigenen Beitrag größer darzustellen, als er war. Wenn KI wesentliche
Gedanken geliefert hat, sollte daraus nicht nachträglich »nur ein bisschen sprachliche Unterstützung«
werden. Ehrlichkeit beginnt auch bei der Beschreibung der eigenen Leistung.
Weniger Scham bedeutet nicht weniger Anspruch
Ich möchte nicht von »Alles selbst machen« zu »Hauptsache, das Ergebnis klingt gut« gelangen.
Mein Maßstab wäre ein anderer: Ich muss nicht jeden Satz allein erzeugen. Aber ich muss verstehen,
prüfen und vertreten können, was ich als meine Arbeit weitergebe.
Die Kennzeichnung wäre für mich deshalb weder eine Entschuldigung noch ein Qualitätssiegel. Sie
informiert über die Entstehung. Ob der Inhalt stimmt, der Einsatz zum Anlass passt und die Arbeit
sorgfältig genug ist, bleibt gesondert zu beurteilen.
Auch nicht jedes Unbehagen gegenüber KI sollte möglichst schnell überwunden werden. Bedenken wegen
sensibler Informationen, ungeprüfter Aussagen oder unpassender Einsatzweisen verdienen eine sachliche
Antwort. Sie sind nicht automatisch Ausdruck von Scham oder mangelnder Offenheit.
Besonders deutlich wird das für mich bei persönlicher Kommunikation.
Wenn ich jemandem nach einer schwierigen Zeit meine Anerkennung ausdrücke, reicht eine schön
formulierte Nachricht nicht aus. Ich möchte mich tatsächlich mit diesem Menschen und seiner Situation
beschäftigt haben. Unterstützung beim Formulieren ist für mich etwas anderes als der Versuch, fehlende
Aufmerksamkeit durch passende Worte zu ersetzen.
Die entscheidende Frage wäre dann nicht nur: »Habe ich KI genutzt?«
Sondern auch: »Was habe ich selbst an Aufmerksamkeit, Urteil und Verantwortung eingebracht?«
Offenheit darf nicht zur Mutprobe werden
Was bedeutet das für Führung?
Mein erster Impuls wäre inzwischen nicht mehr: Wir müssen die Menschen mutiger machen. Sondern: Wir
müssen uns anschauen, welche Reaktionen sie bei uns erwarten dürfen.
Eine Richtlinie kann festlegen, wann und wie KI-Nutzung gekennzeichnet werden soll. Damit ist aber noch
nicht beantwortet, ob jemand nach der Kennzeichnung einen beiläufigen Spruch hört: »Na, selbst denken
war wohl zu anstrengend?«
Genau an solchen Situationen würde ich ansetzen. Nicht indem wir die konkrete Arbeit gegen jede Kritik
abschirmen. Sondern indem wir die Kritik auf die Sache zurückführen: Welche Aussage ist falsch? Was
wurde nicht geprüft? Was passt nicht zum Anlass?
Das ist etwas anderes, als aus der Nutzung eines Werkzeugs ein Urteil über die Person abzuleiten.
Einen Anknüpfungspunkt liefert die Forschung zu Führung und psychologischer Sicherheit. Ingrid
Nembhard und Amy Edmondson fanden in einer Untersuchung von 23 neonatologischen Intensivstationen
Zusammenhänge zwischen einladendem, wertschätzendem Führungsverhalten, psychologischer Sicherheit
und der Beteiligung an Verbesserungen. Die Studie untersuchte keine KI-Nutzung. Sie unterstützt aber den
Gedanken, dass der Umgang mit Statusunterschieden und Beiträgen anderer für gemeinsames Lernen
bedeutsam ist. [3]
Für mich folgt daraus: Als Führungskraft sollte ich nicht nur meine eigenen fertigen Ergebnisse
kennzeichnen. Ich könnte gelegentlich auch zeigen, wie die Arbeit entstanden ist. Etwa so:
»Für diesen Entwurf habe ich KI genutzt. Zwei Vorschläge habe ich verworfen, weil sie unserer Situation
nicht gerecht wurden. Einen Gedanken habe ich weiterverfolgt und fachlich geprüft.«
Nicht als Erfolgsshow. Nicht als Rechtfertigung. Sondern als Einblick in einen Arbeitsprozess, in dem
Unterstützung und eigenes Urteil zusammenkommen.
Noch wichtiger wäre mir allerdings, was passiert, wenn jemand mit weniger Einfluss oder weniger
Sicherheit im Team dasselbe tut. Oder offen sagt: »Ich habe es ausprobiert, aber ich kann das Ergebnis
noch nicht zuverlässig beurteilen.«
Darf diese Unsicherheit bei uns sichtbar werden, ohne dass die Person an Ansehen verliert?
Hinter dem Zögern könnte noch etwas anderes stecken
Eine weitere Frage beschäftigt mich gerade aus Führungsperspektive: Was passiert eigentlich mit der Zeit,
die durch KI möglicherweise frei wird?
Stellen wir uns vor, jemand erwartet, dass ein offener Hinweis auf KI-Unterstützung vor allem eines
auslöst: zusätzliche Aufgaben. »Wenn das jetzt schneller geht, kannst du künftig ja auch noch …«
Dann wäre das Zögern vielleicht nicht in erster Linie Scham. Es könnte eine Sorge vor Arbeitsverdichtung
sein.
Das ist keine Feststellung über unsere Organisation, sondern eine Hypothese, die ich ernst nehmen würde.
Denn dann hilft auch die freundlichste Einladung zur Transparenz wenig, solange die befürchtete
Konsequenz ungeklärt bleibt.
Für mich gehört deshalb zur Diskussion über KI auch die Frage, was wir mit möglichen Zeitgewinnen
anfangen wollen. Nutzen wir sie für bessere Qualität, sorgfältigere Entscheidungen, Entlastung oder mehr
Zeit für Menschen? Oder erwarten wir vor allem mehr Ergebnisse in derselben Zeit?
Ich möchte zumindest verhindern, dass wir Entlastung versprechen und anschließend ausschließlich
zusätzliche Leistung einfordern.
Wir brauchen kein neues Oben und Unten
Ebenso wenig möchte ich die bisherige Abwertung einfach umdrehen. Heute gilt KI-Nutzung als faul,
morgen gilt Nichtnutzung als rückständig. Damit hätten wir das Problem nicht gelöst, sondern nur die
Seiten vertauscht.
Mein Ziel wäre ein Umgang, in dem verantwortete KI-Nutzung ebenso besprechbar ist wie eine begründete
Entscheidung dagegen. In dem wir weder Begeisterung noch Skepsis zum Maßstab für den Wert einer
Person machen.
Für den Anfang braucht es aus meiner Sicht kein weiteres großes Projekt. Vielleicht reicht es, in einer
bestehenden Team- oder Leitungsrunde einen konkreten Arbeitsprozess anzuschauen und gemeinsam zu
fragen: Was müssen wir im Umgang miteinander beachten, damit niemand für ehrliche Kennzeichnung
abgewertet wird – und wir trotzdem kritisch über die Qualität der Arbeit sprechen können?
Niemand müsste dafür persönliche Scham erklären oder die eigene bisherige Nutzung vor der Gruppe
offenlegen. Es ginge zunächst um den Umgang, den wir miteinander vereinbaren wollen.
Mein Prüfstein wäre anschließend nicht allein, ob unter mehr Texten ein KI-Hinweis steht. Sondern ob
Menschen auch über einen misslungenen Versuch, eine Unsicherheit oder einen bewusst verworfenen
Vorschlag sprechen können.
Denn eine Fußnote kann Offenheit sichtbar machen. Ob sich diese Offenheit sicher anfühlt, entscheidet
sich im Miteinander.
Wir sollten nicht mehr persönlichen Mut verlangen, als unsere Kultur an Sicherheit bietet.
Quellen zum Blogartikel
[1] Sauer, Hanno (2026): Living with Class. The Philosophers’ Magazine, 25.03.2026.
[2] Reif, Jessica A.; Larrick, Richard P.; Soll, Jack B. (2025): Evidence of a social evaluation penalty for using AI. PNAS, 122(19),
e2426766122. DOI: 10.1073/pnas.2426766122.
[3] Nembhard, Ingrid M.; Edmondson, Amy C. (2006): Making it safe: the effects of leader inclusiveness and professional status on
psychological safety and improvement efforts in health care teams. Journal of Organizational Behavior, 27(7), 941–966. DOI:
10.1002/job.413.
KI-Kennzeichnung: Die Gedanken sind meine. KI hat mir geholfen, sie zu ordnen und sprachlich zu schärfen.
veröffentlicht am 02. Oktober 2026